Faszienforschung 2025: Neue Erkenntnisse über das unterschätzte Bindegewebe
- wellness-vergleich.de

- 11. Juni
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Lange galten Faszien als unwichtiges Füllmaterial im Körper. Doch moderne Forschung zeigt: Das Bindegewebe spielt eine zentrale Rolle für Beweglichkeit, Schmerzempfinden und sogar unser Immunsystem. Aktuelle Studien aus der Faszienforschung liefern überraschende Einblicke in die Funktionsweise dieses komplexen Gewebes und erklären, warum gezielte Behandlung oft bei chronischen Beschwerden hilft.
Die Faszienforschung erlebt seit etwa 15 Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung. Was in der klassischen Anatomie lange Zeit als bloßes Verpackungsmaterial zwischen Muskeln, Organen und anderen Strukturen galt, entpuppt sich zunehmend als hochkomplexes und funktionell bedeutsames Gewebenetzwerk. Besonders in den vergangenen Jahren haben neue bildgebende Verfahren und biomechanische Untersuchungen unser Verständnis der Faszien revolutioniert.
Was Faszien überhaupt sind
Faszien sind bindegewebige Strukturen, die den gesamten Körper durchziehen. Sie bestehen hauptsächlich aus Kollagenfasern, die in eine Matrix aus Proteinen und Wasser eingebettet sind. Man unterscheidet verschiedene Schichten: Die oberflächliche Faszie liegt direkt unter der Haut, die tiefe Faszie umhüllt Muskeln und Muskelgruppen, und die viszerale Faszie umgibt die inneren Organe. Alle diese Schichten sind miteinander verbunden und bilden ein dreidimensionales Netzwerk, das den gesamten Körper durchzieht.
Lange Zeit wurden Faszien in der medizinischen Ausbildung kaum beachtet. Bei Präparationen wurden sie oft einfach entfernt, um zu den "wichtigeren" Strukturen wie Muskeln und Nerven vorzudringen. Diese Sichtweise hat sich grundlegend geändert. Heute wissen wir, dass Faszien nicht nur passive Strukturen sind, sondern aktiv an zahlreichen Körperfunktionen beteiligt sind.
Faszien als Sinnesorgan
Eine der überraschendsten Erkenntnisse der modernen Faszienforschung ist die Entdeckung, dass das fasziale Gewebe reich mit Nervenendigungen durchsetzt ist. Pro Quadratzentimeter Fasziengewebe finden sich mehr sensorische Rezeptoren als in vielen anderen Körpergeweben. Diese Rezeptoren registrieren nicht nur Druck und Dehnung, sondern auch Schmerz und propriozeptive Informationen, also Informationen über die Position und Bewegung des Körpers im Raum.
Forschungen aus dem Jahr 2023 von der Universität Ulm haben gezeigt, dass Faszien möglicherweise sogar eine wichtigere Rolle bei der Propriozeption spielen als bisher angenommen. Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass bestimmte mechanische Reize auf das Fasziengewebe zu messbaren Veränderungen in der Körperwahrnehmung führen. Diese Erkenntnis hat weitreichende Konsequenzen für das Verständnis von Bewegungsabläufen und der Entstehung von Bewegungsstörungen.
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die hohe Dichte an sogenannten interstitiellen Rezeptoren in den Faszien. Diese reagieren auf mechanischen Druck und chemische Veränderungen im Gewebe und können bei Irritation Schmerzsignale ans Gehirn senden. Das erklärt, warum fasziale Verklebungen oder Verdickungen oft als schmerzhaft empfunden werden, obwohl keine strukturellen Schäden an Muskeln oder Gelenken vorliegen.
Die Rolle der Faszien bei chronischen Schmerzen
Ein Schwerpunkt der aktuellen Forschung liegt auf dem Zusammenhang zwischen faszialen Veränderungen und chronischen Schmerzzuständen. Ultraschalluntersuchungen und Magnetresonanztomographie haben gezeigt, dass Menschen mit chronischen Rückenschmerzen häufig Verdickungen und verminderte Gleitfähigkeit der Thorakolumbalfaszie aufweisen. Diese großflächige Faszie im unteren Rückenbereich spielt eine wichtige Rolle bei der Kraftübertragung und Stabilisierung der Wirbelsäule.
Studien aus dem Jahr 2024 haben den Mechanismus genauer untersucht, wie es zu solchen faszialen Veränderungen kommt. Offenbar spielt chronische mechanische Überlastung eine zentrale Rolle. Wenn bestimmte Bereiche des Fasziengewebes wiederholt oder dauerhaft über ihre normale Kapazität hinaus belastet werden, reagiert das Gewebe mit einer Umstrukturierung. Die normalerweise geordnete Anordnung der Kollagenfasern wird unregelmäßiger, es bilden sich Querverbindungen, und die Matrix zwischen den Fasern verändert ihre Zusammensetzung.
Diese strukturellen Veränderungen haben funktionelle Konsequenzen. Das Gewebe verliert an Elastizität und Gleitfähigkeit. Benachbarte Faszienschichten, die normalerweise leicht gegeneinander verschiebbar sind, "verkleben" miteinander. Diese Verklebungen können Bewegungsabläufe stören und durch Reizung der zahlreichen Schmerzrezeptoren chronische Schmerzen auslösen.
Faszien und das Immunsystem
Eine besonders spannende Entdeckung der letzten Jahre betrifft die Rolle der Faszien im Immunsystem. Lange Zeit wurde das Immunsystem hauptsächlich mit dem Blut- und Lymphsystem in Verbindung gebracht. Neuere Forschungen zeigen jedoch, dass auch das fasziale Bindegewebe eine wichtige immunologische Funktion hat. In den Faszien befinden sich zahlreiche Immunzellen, die auf Verletzungen und Infektionen reagieren können.
Besonders interessant ist die Entdeckung, dass Faszien aktiv an Entzündungsprozessen beteiligt sind. Bei chronischen Entzündungen, wie sie beispielsweise bei rheumatischen Erkrankungen auftreten, zeigen die Faszien charakteristische Veränderungen. Forschungsgruppen in den USA und Deutschland haben 2024 unabhängig voneinander nachgewiesen, dass bestimmte Zellen im faszialen Gewebe Entzündungsmediatoren produzieren können, die weit über die lokale Umgebung hinaus wirken.
Diese Erkenntnisse könnten erklären, warum manche chronischen Schmerzerkrankungen systemischen Charakter haben und warum Behandlungen, die auf das Fasziengewebe abzielen, manchmal weitreichende Effekte zeigen. Die Forschung steht hier allerdings noch am Anfang, und viele Fragen sind ungeklärt.
Mechanische Eigenschaften und Anpassungsfähigkeit
Die biomechanischen Eigenschaften von Faszien sind Gegenstand intensiver Forschung. Fasziengewebe zeigt ein komplexes mechanisches Verhalten, das sich deutlich von dem der Muskeln unterscheidet. Faszien sind viskoelastisch, das heißt, sie zeigen sowohl elastische als auch viskose Eigenschaften. Sie können sich dehnen und kehren danach in ihre Ausgangsform zurück, aber dieser Prozess ist zeitabhängig.
Forschungen aus Japan haben 2023 gezeigt, dass verschiedene Arten mechanischer Belastung unterschiedliche Anpassungsreaktionen im Fasziengewebe auslösen. Langsame, anhaltende Dehnungen führen zu anderen strukturellen Veränderungen als schnelle, wiederholte Belastungen. Diese Erkenntnisse sind für die Entwicklung effektiver Behandlungs- und Trainingsmethoden von großer Bedeutung.
Besonders bemerkenswert ist die Anpassungsfähigkeit des Fasziengewebes. Die Kollagenfasern richten sich nach den mechanischen Belastungen aus, denen sie ausgesetzt sind. Bei regelmäßiger Bewegung in verschiedene Richtungen bildet sich ein multidirektionales, belastbares Fasernetzwerk. Bei einseitigen oder fehlenden Belastungen hingegen verliert das Gewebe an Vielseitigkeit und wird anfälliger für Überlastungsschäden.
Flüssigkeitsdynamik in den Faszien
Ein weiterer aufregender Forschungsbereich betrifft die Flüssigkeitsbewegungen im faszialen Gewebe. Faszien sind nicht einfach nur feste Strukturen, sondern enthalten erhebliche Mengen an Flüssigkeit. Diese Gewebsflüssigkeit spielt eine wichtige Rolle für die Ernährung des Gewebes, den Abtransport von Stoffwechselprodukten und die mechanischen Eigenschaften der Faszien.
Studien mit speziellen bildgebenden Verfahren haben 2024 erstmals in Echtzeit gezeigt, wie sich Flüssigkeit durch das fasziale Gewebe bewegt. Diese Bewegung wird stark von mechanischen Einflüssen beeinflusst. Muskelkontraktionen, Körperbewegungen und auch externe Druckeinwirkungen beeinflussen den Flüssigkeitsfluss. Bei Bewegungsmangel oder chronischen Verspannungen kann dieser Fluss gestört werden, was zu einer Veränderung der Gewebezusammensetzung und möglicherweise zu den gefürchteten Verklebungen beitragen kann.
Diese Erkenntnisse liefern eine theoretische Grundlage für verschiedene manuelle Behandlungstechniken. Durch gezielte Druckeinwirkung und Bewegung lässt sich der Flüssigkeitsfluss im Gewebe möglicherweise beeinflussen und die Gewebequalität verbessern. Allerdings sind noch weitere Studien nötig, um diese Zusammenhänge vollständig zu verstehen.
Faszien und das vegetative Nervensystem
Eine faszinierende Entdeckung der neueren Forschung ist die enge Verbindung zwischen Faszien und dem vegetativen Nervensystem. In faszialen Strukturen, besonders in der oberflächlichen Körperfaszie, finden sich zahlreiche Nervenfasern des autonomen Nervensystems. Diese regulieren unter anderem die Spannung bestimmter Zellen im Fasziengewebe, der sogenannten Myofibroblasten.
Myofibroblasten sind Zellen, die Eigenschaften von Bindegewebszellen und Muskelzellen vereinen. Sie können sich zusammenziehen und damit die Spannung im Fasziengewebe beeinflussen. Die Aktivität dieser Zellen wird vom vegetativen Nervensystem gesteuert. Bei Stress, wenn das sympathische Nervensystem aktiviert wird, erhöht sich die Grundspannung der Faszien. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, warum psychischer Stress oft zu körperlichen Verspannungen führt.
Umgekehrt gibt es Hinweise darauf, dass mechanische Einwirkungen auf das Fasziengewebe auch Auswirkungen auf das vegetative Nervensystem haben können. Bestimmte manuelle Techniken scheinen den Parasympathikus zu aktivieren und damit eine Entspannungsreaktion auszulösen. Diese bidirektionale Verbindung zwischen Faszien und vegetativem Nervensystem ist Gegenstand aktueller Forschung und könnte weitreichende Implikationen für therapeutische Ansätze haben.
Ausblick: Offene Fragen und zukünftige Forschung
Trotz der beeindruckenden Fortschritte der letzten Jahre gibt es noch viele offene Fragen in der Faszienforschung. Nicht vollständig geklärt ist beispielsweise, wie genau fasziale Verklebungen entstehen und ob sie sich vollständig wieder auflösen lassen. Auch die genauen Mechanismen, durch die verschiedene Behandlungstechniken auf das Fasziengewebe wirken, bedürfen weiterer Untersuchung.
Ein besonders spannendes Forschungsfeld ist die Frage nach individuellen Unterschieden. Warum entwickeln manche Menschen fasziale Probleme, während andere trotz ähnlicher Belastungen beschwerdefrei bleiben? Genetische Faktoren, hormonelle Einflüsse und das komplexe Zusammenspiel mit anderen Körpersystemen könnten hier eine Rolle spielen.
Für die kommenden Jahre sind mehrere große Forschungsprojekte geplant, die diese Fragen adressieren werden. Die Entwicklung neuer bildgebender Verfahren, die das Fasziengewebe noch detaillierter darstellen können, verspricht weitere wichtige Erkenntnisse. Auch die Erforschung der molekularen Mechanismen, die den faszialen Veränderungen zugrunde liegen, steht im Fokus mehrerer Forschungsgruppen weltweit.
Die Faszienforschung hat unser Verständnis des menschlichen Körpers bereits erheblich erweitert. Es ist zu erwarten, dass die nächsten Jahre weitere überraschende Erkenntnisse bringen werden, die möglicherweise auch zu neuen therapeutischen Ansätzen führen.




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