Expertenbeitrag – Chronische Verspannungen: Physiotherapeutin erklärt die häufigsten Ursachen
- wellness-vergleich.de

- 15. Aug.
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Aktualisiert: 24. Okt.

Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden in Deutschland. Doch woher kommen die ständigen Verspannungen im Nacken und oberen Rücken? Wir haben mit der Physiotherapeutin Dr. Sarah Klein gesprochen, die seit 15 Jahren Patienten mit chronischen Schmerzen behandelt. Im Gespräch erklärt sie, welche Faktoren besonders häufig zu Verspannungen führen und was Betroffene präventiv tun können.
Dr. Sarah Klein leitet seit 2010 eine physiotherapeutische Praxis in München und hat sich auf die Behandlung chronischer Schmerzsyndrome spezialisiert. In ihrer täglichen Arbeit sieht sie immer wieder ähnliche Muster bei Patienten, die unter hartnäckigen Verspannungen leiden. "Die meisten Menschen kommen erst zu uns, wenn der Schmerz bereits chronisch geworden ist", erklärt die Expertin. "Dabei ließen sich viele Beschwerden mit einfachen Maßnahmen verhindern, wenn man die Warnsignale des Körpers ernst nimmt."
Die Hauptursachen chronischer Verspannungen
Die Entstehung von dauerhaften Muskelverspannungen ist selten auf eine einzelne Ursache zurückzuführen. Vielmehr handelt es sich meist um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die sich gegenseitig verstärken. An erster Stelle steht nach Erfahrung von Dr. Klein die moderne Arbeitswelt mit ihren langen Sitzphasen. "Der menschliche Körper ist für Bewegung gemacht, nicht für acht Stunden tägliches Sitzen vor einem Bildschirm", betont sie. Besonders problematisch sei dabei nicht nur die Dauer, sondern auch die Monotonie der Haltung.
Wenn wir stundenlang in derselben Position verharren, verkürzen sich bestimmte Muskelgruppen, während andere dauerhaft überdehnt werden. Die Schulter-Nacken-Muskulatur ist davon besonders betroffen. Viele Menschen ziehen unbewusst die Schultern hoch, wenn sie konzentriert arbeiten oder auf den Bildschirm schauen. Diese statische Anspannung führt mit der Zeit zu einer verminderten Durchblutung des Muskelgewebes. Stoffwechselprodukte werden nicht mehr ausreichend abtransportiert, und es bilden sich die gefürchteten Triggerpunkte – lokale Verhärtungen im Muskel, die oft in andere Körperregionen ausstrahlen.
Der zweite große Faktor ist psychischer Stress. Die Verbindung zwischen seelischer Belastung und körperlicher Anspannung ist wissenschaftlich gut dokumentiert. "Unter Stress erhöht sich der Muskeltonus automatisch", erläutert Dr. Klein. "Das ist evolutionär sinnvoll, denn in Gefahrensituationen muss der Körper schnell reagieren können. Problematisch wird es, wenn dieser Zustand zum Dauerzustand wird." Chronischer Stress führt zu einer permanenten Grundanspannung der Muskulatur, die sich auch in Ruhephasen nicht mehr vollständig löst.
Das unterschätzte Problem: Bewegungsmangel
Neben Fehlhaltung und Stress identifiziert die Physiotherapeutin einen dritten zentralen Faktor, der oft unterschätzt wird: den allgemeinen Bewegungsmangel. "Viele meiner Patienten sitzen nicht nur acht Stunden im Büro, sondern bewegen sich auch in ihrer Freizeit kaum", berichtet sie. Der Weg zur Arbeit wird im Auto zurückgelegt, abends sitzt man vor dem Fernseher. Die Muskulatur verkümmert regelrecht, ihre Belastbarkeit nimmt ab, und schon geringe Anforderungen können zu Überlastungsreaktionen führen.
Besonders fatal ist diese Entwicklung, weil sie einen Teufelskreis in Gang setzt. Wer bereits unter Verspannungen leidet, bewegt sich oft noch weniger, weil Bewegung zunächst unangenehm oder schmerzhaft sein kann. "Genau das ist aber der falsche Weg", warnt Dr. Klein. "Moderate, regelmäßige Bewegung ist einer der wichtigsten Faktoren zur Prävention und Behandlung von Verspannungen."
Wie Triggerpunkte entstehen und wirken
Ein besonderes Augenmerk legt Dr. Klein in ihrer Arbeit auf sogenannte myofasziale Triggerpunkte. Diese kleinen, verhärteten Bereiche im Muskelgewebe sind oft der Schlüssel zum Verständnis chronischer Schmerzen. Triggerpunkte entstehen, wenn einzelne Muskelfasern sich dauerhaft zusammenziehen und nicht mehr entspannen können. Die genauen Mechanismen sind noch nicht vollständig erforscht, aber man geht davon aus, dass eine Störung in der Kalzium-Regulation der Muskelzelle eine Rolle spielt.
Was Triggerpunkte so heimtückisch macht, ist ihre Fähigkeit, Schmerzen in weit entfernte Körperregionen auszustrahlen. Ein Triggerpunkt im Nacken kann beispielsweise Kopfschmerzen verursachen, die von Betroffenen oft gar nicht mit dem verspannten Nacken in Verbindung gebracht werden. "Viele Menschen haben jahrelang Kopfschmerzen und kommen nie auf die Idee, dass die Ursache in ihrer Nackenmuskulatur liegen könnte", berichtet die Physiotherapeutin.
Die Behandlung von Triggerpunkten erfordert Geduld. Durch gezielte manuelle Techniken, aber auch durch Eigenbehandlung lassen sich diese Verhärtungen mit der Zeit auflösen. Wichtig ist dabei die Kombination aus direkter Behandlung des betroffenen Punktes und der Beseitigung der ursächlichen Faktoren. "Wenn wir nur den Triggerpunkt behandeln, aber die Sitzhaltung und der Stress bleiben bestehen, kommt das Problem nach kurzer Zeit zurück", erklärt Dr. Klein.
Warnsignale des Körpers erkennen
Ein zentraler Punkt in Dr. Kleins Beratung ist die Sensibilisierung für die Signale des eigenen Körpers. Viele Menschen haben verlernt, auf die Warnsignale zu achten, die der Körper lange vor dem Auftreten chronischer Schmerzen sendet. "Wenn Sie nach einem Arbeitstag regelmäßig Verspannungsgefühle im Nacken haben, ist das bereits ein Warnsignal", betont sie. Auch häufiges Bedürfnis, den Nacken zu dehnen oder zu massieren, deutet auf beginnende Probleme hin.
Weitere Warnsignale sind eine eingeschränkte Beweglichkeit am Morgen, Spannungskopfschmerzen oder das Gefühl, die Schultern nicht mehr richtig entspannen zu können. "Wer solche Symptome regelmäßig bemerkt, sollte nicht warten, bis der Schmerz chronisch wird", rät die Expertin. In diesem Stadium lassen sich mit relativ einfachen Maßnahmen oft noch gute Erfolge erzielen.
Was Betroffene präventiv tun können
Auf die Frage, was Menschen mit beginnenden Verspannungen selbst tun können, hat Dr. Klein klare Empfehlungen. An erster Stelle steht die Bewegung. "Ideal ist eine Mischung aus Ausdauertraining, das die allgemeine Durchblutung fördert, und gezielten Kräftigungsübungen für die Rumpfmuskulatur", erklärt sie. Wichtig sei dabei nicht die Intensität, sondern die Regelmäßigkeit. Dreimal 30 Minuten moderate Bewegung pro Woche zeigen bereits deutliche Effekte.
Ebenso wichtig ist die bewusste Gestaltung des Arbeitsplatzes. Der Bildschirm sollte auf Augenhöhe stehen, die Unterarme beim Tippen waagerecht aufliegen. Alle 30 bis 45 Minuten sollte man aufstehen und sich kurz bewegen, auch wenn es nur ein Gang zum Drucker ist. "Diese kleinen Unterbrechungen der monotonen Haltung sind Gold wert", betont Dr. Klein.
Zum Thema Stress empfiehlt die Physiotherapeutin eine Kombination aus akuten Entspannungstechniken und langfristigen Stressbewältigungsstrategien. Atemübungen, progressive Muskelentspannung oder auch kurze Meditationseinheiten können helfen, den Muskeltonus zu senken. Langfristig sei es aber wichtig, die Stressquellen selbst anzugehen, sei es durch besseres Zeitmanagement, das Setzen von Grenzen oder gegebenenfalls psychotherapeutische Unterstützung.
Wann professionelle Hilfe notwendig wird
Trotz aller Selbsthilfemaßnahmen gibt es Situationen, in denen professionelle Unterstützung unerlässlich ist. "Wenn Schmerzen länger als sechs Wochen bestehen, trotz Selbstbehandlung nicht besser werden oder sogar schlimmer, sollte man definitiv einen Arzt oder Physiotherapeuten aufsuchen", rät Dr. Klein. Auch plötzlich auftretende, sehr intensive Schmerzen, Taubheitsgefühle oder Kraftverlust in Armen oder Beinen sind Alarmsignale, die eine zeitnahe Abklärung erfordern.
In der physiotherapeutischen Behandlung kommen dann verschiedene Techniken zum Einsatz. Neben manuellen Therapien, bei denen Verspannungen gezielt gelöst werden, spielt vor allem die Anleitung zur Selbsthilfe eine große Rolle. "Unser Ziel ist es nicht, dass Patienten dauerhaft zu uns kommen müssen", betont Dr. Klein. "Wir wollen ihnen das Handwerkszeug mitgeben, um ihre Beschwerden selbst in den Griff zu bekommen."
Dazu gehören individuell angepasste Übungsprogramme, Tipps zur Ergonomie am Arbeitsplatz und Strategien zur Stressbewältigung. In manchen Fällen kann auch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ärzten, Psychologen oder Ergotherapeuten sinnvoll sein. "Chronische Verspannungen sind oft ein multifaktorielles Problem, das auch eine ganzheitliche Behandlung erfordert", so das Fazit der erfahrenen Therapeutin.




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