Akupressur & Akupunktur: Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Wirkweise
- wellness-vergleich.de

- 11. Sept. 2025
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ide Verfahren stammen aus der Traditionellen Chinesischen Medizin, beide arbeiten mit Energiepunkten am Körper. Doch wo liegen die Unterschiede zwischen Akupressur und Akupunktur? Und was sagt die moderne Forschung zur Wirksamkeit beider Methoden? Ein sachlicher Überblick über zwei jahrtausendealte Heilverfahren und ihren Platz in der heutigen Gesundheitsversorgung.
Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) blickt auf eine über 2000-jährige Geschichte zurück und umfasst verschiedene Behandlungsmethoden, von denen Akupunktur und Akupressur zu den bekanntesten im westlichen Raum gehören. Beide Verfahren basieren auf denselben theoretischen Grundlagen, unterscheiden sich aber in ihrer praktischen Anwendung erheblich. In den letzten Jahrzehnten hat die wissenschaftliche Medizin begonnen, diese traditionellen Methoden systematisch zu untersuchen, was zu interessanten Erkenntnissen über Wirkweise und Einsatzmöglichkeiten geführt hat.
Historischer Hintergrund und philosophische Grundlagen
Die Wurzeln von Akupunktur und Akupressur liegen im alten China, wo bereits vor mehr als 2000 Jahren systematische Aufzeichnungen über Behandlungspunkte am Körper entstanden. Das älteste erhaltene medizinische Werk, das "Huangdi Neijing" (Der Innere Klassiker des Gelben Kaisers), beschreibt bereits detailliert ein System von Leitbahnen und Behandlungspunkten.
Interessanterweise geht man davon aus, dass die Akupressur historisch noch vor der Akupunktur praktiziert wurde, da sie keine speziellen Werkzeuge erfordert.
Beiden Methoden liegt die Vorstellung zugrunde, dass im Körper eine Lebensenergie, das sogenannte Qi (ausgesprochen "Tschi"), fließt.
Dieses Qi bewegt sich entlang definierter Bahnen, den Meridianen, die den gesamten Körper durchziehen. Auf diesen Meridianen liegen spezifische Punkte, an denen das Qi besonders gut zugänglich ist. Gesundheit wird in diesem System als harmonischer, ungestörter Fluss des Qi verstanden.
Krankheiten entstehen nach dieser Lehre, wenn der Qi-Fluss blockiert oder aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Die TCM kennt zwölf Hauptmeridiane, die jeweils bestimmten Organen oder Organsystemen zugeordnet sind, sowie acht außerordentliche Meridiane.
Insgesamt werden je nach Zählweise zwischen 360 und über 400 verschiedene Akupunkturpunkte beschrieben. Diese Punkte sind nicht willkürlich verteilt, sondern folgen einem systematischen Ordnungsprinzip, das auch Verbindungen zwischen scheinbar weit entfernten Körperregionen herstellt.
Die moderne wissenschaftliche Perspektive
Die westliche Medizin hat lange Zeit diese traditionellen Konzepte skeptisch betrachtet, da sie nicht mit dem anatomischen und physiologischen Verständnis des menschlichen Körpers vereinbar schienen. In den letzten Jahrzehnten hat sich jedoch ein differenzierteres Bild entwickelt. Moderne Forschung zeigt, dass unabhängig von der theoretischen Erklärung tatsächlich messbare physiologische Effekte durch die Stimulation bestimmter Körperpunkte ausgelöst werden können.
Interessanterweise hat sich gezeigt, dass viele der traditionellen Akupunkturpunkte anatomisch an Stellen liegen, wo Nerven, Blutgefäße oder Muskelfaszien besonders oberflächennah verlaufen oder wo verschiedene Gewebestrukturen zusammenkommen. Die Stimulation dieser Punkte aktiviert nachweislich bestimmte Nervenfasern, die Signale ans Gehirn und Rückenmark senden. Dort werden komplexe neurophysiologische Prozesse in Gang gesetzt, die unter anderem zur Ausschüttung körpereigener schmerzlindernder Substanzen führen können.
Moderne bildgebende Verfahren haben gezeigt, dass die Stimulation von Akupunkturpunkten zu messbaren Veränderungen der Gehirnaktivität führt. Funktionelle Magnetresonanztomographie-Studien konnten nachweisen, dass verschiedene Punkte unterschiedliche Hirnareale aktivieren. Diese Befunde legen nahe, dass die Effekte nicht einfach auf einem Placeboeffekt beruhen, auch wenn dieser bei beiden Verfahren sicherlich eine Rolle spielt.
Akupunktur: Technik und Anwendung
Bei der Akupunktur werden sehr dünne Nadeln an spezifischen Punkten in die Haut eingestochen. Die Nadeln sind in der Regel zwischen 0,2 und 0,4 Millimeter dick und zwischen 15 und 70 Millimeter lang, je nach Körperregion und beabsichtigter Eindringtiefe. Anders als bei einer Injektionsnadel ist die Akupunkturnadel massiv und nicht hohl, was das Einstechen in der Regel wenig schmerzhaft macht.
Die Nadeln werden je nach Behandlungsziel unterschiedlich tief eingestochen, typischerweise zwischen 5 und 20 Millimeter. Sie verbleiben dann für etwa 20 bis 30 Minuten in der Haut, während der Patient ruht. Viele Therapeuten bewegen die Nadeln während der Behandlung durch sanftes Drehen oder Heben und Senken, um die Stimulation zu verstärken. Manche praktizieren auch die Elektroakupunktur, bei der über die Nadeln schwache elektrische Impulse geleitet werden.
In Deutschland darf Akupunktur nur von Ärzten und Heilpraktikern durchgeführt werden. Für Ärzte gibt es spezielle Ausbildungskurse mit Diplom-Abschluss, die von verschiedenen Fachgesellschaften angeboten werden. Die Behandlung erfolgt in der Regel in einer Serie von mehreren Sitzungen, typischerweise 10 bis 15 Behandlungen über mehrere Wochen verteilt.
Akupressur: Methodik und Selbstanwendung
Die Akupressur arbeitet mit denselben Punkten wie die Akupunktur, verwendet aber statt Nadeln manuellen Druck und spezielle Akupressurmatten. Die Intensität des Drucks variiert je nach Technik und Behandlungsziel, sollte aber in der Regel als angenehm oder zumindest erträglich empfunden werden.
Ein wesentlicher Vorteil der Akupressur ist die Möglichkeit zur Selbstanwendung.
Nachdem man die Lage der relevanten Punkte gelernt hat, kann man diese jederzeit selbst behandeln. Dies macht die Akupressur zu einem niedrigschwelligen Verfahren, das keine professionelle Hilfe erfordert, auch wenn eine initiale Anleitung durch einen erfahrenen Therapeuten sinnvoll sein kann.
In der traditionellen Anwendung werden verschiedene Techniken unterschieden. Die bekannteste ist die kontinuierliche Druckmethode, bei der über mehrere Minuten gleichmäßiger Druck auf einen Punkt ausgeübt wird.
Daneben gibt es rhythmische Techniken, bei denen der Druck pulsierend oder kreisend ausgeübt wird. Manche Schulen empfehlen auch die Kombination mit Wärme oder die Behandlung mehrerer Punkte gleichzeitig.
Die wissenschaftliche Evidenz für Akupressur ist weniger umfangreich als für Akupunktur, was teilweise daran liegt, dass Studien schwieriger zu kontrollieren sind. Dennoch gibt es belastbare Hinweise auf Wirksamkeit bei bestimmten Beschwerden. Besonders gut untersucht ist die Akupressur des P6-Punktes am Handgelenk gegen Übelkeit und Erbrechen. Multiple Studien und Metaanalysen zeigen hier konsistent positive Effekte, sowohl bei Reiseübelkeit als auch bei Übelkeit nach Operationen oder Chemotherapie.
Weitere Anwendungsgebiete, für die positive Studienergebnisse vorliegen, sind Schlafstörungen, Angstsymptome und verschiedene Schmerzformen. Die Effektgrößen sind in der Regel moderat, aber angesichts der guten Verträglichkeit und der Möglichkeit zur Selbstanwendung wird Akupressur von vielen Patienten als hilfreiche Ergänzung empfunden.
Sicherheit und Nebenwirkungen
Beide Verfahren gelten als sicher, wenn sie fachgerecht durchgeführt werden. Bei der Akupunktur können gelegentlich lokale Nebenwirkungen wie leichte Blutergüsse, kurzzeitige Schmerzen an der Einstichstelle oder, sehr selten, leichte Kreislaufreaktionen auftreten. Schwerwiegende Komplikationen sind bei sachgemäßer Anwendung äußerst selten.
Die Akupressur hat ein noch günstigeres Nebenwirkungsprofil. Da keine Nadeln verwendet werden und nicht in den Körper eingedrungen wird, sind ernsthafte Komplikationen praktisch ausgeschlossen. Lediglich bei zu starkem Druck können vorübergehende Druckschmerzen oder in seltenen Fällen leichte Hämatome auftreten.
Kontraindikationen gibt es für beide Verfahren nur wenige. Bei bestimmten Hauterkrankungen, Blutgerinnungsstörungen oder der Einnahme gerinnungshemmender Medikamente sollte Akupunktur mit Vorsicht angewendet werden. In der Schwangerschaft sollten bestimmte Punkte, die traditionell als wehenfördernd gelten, gemieden werden, auch wenn die tatsächliche Relevanz umstritten ist.
Die Rolle in der integrativen Medizin
In der modernen Medizin hat sich das Konzept der integrativen Medizin etabliert, die konventionelle und komplementäre Verfahren sinnvoll kombiniert. In diesem Kontext haben sowohl Akupunktur als auch Akupressur ihren Platz gefunden. Viele Schmerzkliniken und onkologische Zentren bieten es mittlerweile als Teil ihres Behandlungsspektrums an.
Die deutschen gesetzlichen Krankenkassen übernehmen seit 2007 die Kosten für Akupunktur bei chronischen Lendenwirbelsäulen- und Knieschmerzen, nachdem große Studien die Wirksamkeit nachgewiesen hatten. Für andere Indikationen muss die Behandlung in der Regel selbst bezahlt werden. Akupressur wird, da sie meist als Selbstbehandlung praktiziert wird, nicht von den Kassen übernommen.
Wichtig ist die realistische Einschätzung dessen, was diese Verfahren leisten können und was nicht. Sie sind kein Ersatz für notwendige schulmedizinische Behandlungen, können aber als Ergänzung hilfreich sein. Bei schweren oder akuten Erkrankungen sollte immer zunächst eine schulmedizinische Abklärung erfolgen.
Praktische Orientierung: Für wen eignet sich was?
Die Entscheidung zwischen Akupunktur und Akupressur hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wer unter chronischen Schmerzen leidet und bereit ist, Zeit und Geld in professionelle Behandlungen zu investieren, findet in der Akupunktur möglicherweise eine wirksame Ergänzung zur konventionellen Therapie. Wichtig ist die Wahl eines qualifizierten Therapeuten mit entsprechender Ausbildung.
Akupressur eignet sich besonders für Menschen, die einen selbstbestimmten Ansatz bevorzugen und bereit sind, sich mit der Materie auseinanderzusetzen. Sie ist eine gute Option bei Beschwerden oder als ergänzende Maßnahme zur Selbsthilfe. Auch Menschen mit Nadelphobie können von der Akupressur profitieren, ohne sich Nadeln aussetzen zu müssen.
In manchen Fällen kann auch eine Kombination sinnvoll sein: Professionelle Akupunkturbehandlungen in regelmäßigen Abständen, ergänzt durch tägliche Selbstbehandlung mit Akupressur. Dies vereint die Vorteile beider Ansätze und ermöglicht eine intensive Behandlung.




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